ZAPISKI HISTORYCZNE — TOM LXXVI — ROK 2011 Zeszyt 4

GRISCHA VERCAMER (Warschau)

ZEIT IN PETERS VON DUSBURG CHRONICA TERRE PRUSSIE (1326). CHRONOLOGISCHE ORDNUNG ODER MITTEL ZUM ZWECK?

Schlüsselworte: Peter von Dusburg, Chronistik, Prußen, Deutscher Orden, Zeitvorstellung, Zeitkonzeption, Ordnungsvorstellung

Wir werden im Folgenden versuchen, das zeitliche Bewusstsein Peters von Dusburg in der 1326 von ihm verfassten Chronica terre Prussie' zu erläutern. Es stellt sich dabei besonders die Frage, ob es zu einem „zeitlichen Bruch“ innerhalb der Chronik kommt, in dem Augenblick, in dem sich die Intention und die per- sönliche Position des Autors zu seiner Darstellung ändert?

Einleitend soll etwas allgemeiner erörtert werden, ob der mittelalterliche Chronist überhaupt eine Vorstellung von einem linearen Ablauf der Zeit hatte, wie es in der Moderne normal ist, und wo er sich in diesem Zeitablauf selbst gesehen hat. Norbert Elias hat gezeigt, dass unsere sehr konkrete Zeitvorstellung auf einem Generationen umfassenden Lernprozess aufbaut’, den man nicht einfach auf den mittelalterlichen Menschen übertragen kann. Dieser dachte wesentlich konkre- ter, in Jahres- oder Tagesabläufen, die ihn direkt betrafen (Erntezeit, Sommerzeit usw.) oder eben ziemlich abstrakt in einem heilsgeschichtlichen Ablauf, d.h. nach

! Vier Editionen des Textes wurden für den vorliegenden Artikel herangezogen: Chronicon ter- rae Prussiae von Peter von Dusburg, hrsg. v. M. Toeppen, [in:] Scriptores rerum Prussicarum, Bd. 1, Leipzig 1861; Petri de Dusburg, Chronica terre Prussie, hrsg. v. K. Scholz, D. Wojtecki (Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters, Bd. 25), Darmstadt 1984; Piotr z Dusburga, Kro- nika ziemi pruskiej, übers. v. S. Wyszomirski u. komm. v. J. Wenta, Torun 2004; Petrus de Dusburg, Chronicon terrae Prussiae, hrsg. v. J. Wenta, S. Wyszomirski (Pomniki Dziejowe Polski, Reihe 2, Bd. 13), Kraköw 2007. Folgende Siglen werden benutzt: JGMOD = Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands; LexMA = Lexikon des Mittelalters, hrsg. v. R.-H. Bautier, München 1977-1998; MIÖG = Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung; PUB = Preußisches Ur- kundenbuch, 6 Bde., hrsg. v. R. Philippi, C. P. Woelky, A. Seraphim u.a., Königsberg, später Marburg 1882-2000; SRP = Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft, Bd. 1-5, hrsg. v. Th. Hirsch u.a., Leipzig 1861-1874 (ND: Frankfurt 1965); TRE = Theologische Realenzyklopädie, hrsg. v. G. Müller u.a., Berlin 1977-2004; UBS = Urkundenbuch des Bistums Samland, hrsg. v. C. P. Woelky, H. Mendthal = Neues Preußisches Urkundenbuch, Ostpreußen Teil, Abt. 2, Bd. 2, Leipzig 1891-1905; ZfO = Zeitschrift für Ostmittel- europa-Forschung.

2N. Elias, Über die Zeit, Frankfurt am Main 1984, S. 3.

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Weltreichen oder Weltzeitalter® geordnet. Es wurde also in sehr großen oder sehr kleinen überschaubaren Einheiten gedacht. Allgemein entspricht es einem Ge- schichtsbewusstsein und einem Zeitbewusstsein, welches sich von dem modernen stark unterscheidet‘. Die Ereignisse, die ca. 100 Jahre zurücklagen, sind als Einheit ebenso in diesem mittelalterlichen Bewusstsein eingebettet wie der unmittelbar gestrige Tag’.

Des Weiteren ist der Faktor „Zeit“ für die Darstellung von Geschichte, laut der Lehre Hugos von St. Viktor (1141), dem großen Theologen und Philosophen des 12. Jh.s, lediglich eines von vier allgemein wichtigen Kriterien: „Sic nimirum in doctrina fieri oportet, ut videlicet prius historiam discas et rerum gestarum ve- ritatem a principio repetens usque ad finem quid gestum sit, quando gestum sit, ubi gestum sit et a quibus gestum sit, diligenter memoriae commendes. Haec enim quattuor praecipue et in historia requirenda sunt, persona, negotium, tempus et locus“°. Wer, was, wann und wo! Hugo wird bei seinem Zeitkriterium allerdings etwas Ähnliches vorgeschwebt sein, wie es schon von Isidor von Sevilla (um 560- 636) als charakteristisch für die Chronistik beschrieben wurde: „Chronica Graece dicitur quae Latine temporum series appellatur [...]“”. Die Zeit ist also vor allem als ordnendes Element wichtig, welches große Zeiträume zusammenfasst (Weltzeital- ter, Weltreiche) und nicht so sehr kleine Ereignisabläufe®.

Insgesamt sagt das allerdings noch wenig über die eigene Position des Chroni- sten innerhalb dieser Zeitenfolge aus. In der Weltchronik Ottos von Freising fin- det sich hierüber ein interessanter Vermerk. Er schreibt in seinem Vorwort zum ersten Buch, dass er oft über den Wandel und die Unbeständigkeit der irdischen Dinge nachgedacht habe und zu dem Schluss gekommen sei, dass man über die- se Probleme hinwegschreiten müsse, um sich nicht selbst wie ein kreisendes Rad („volubilis rotae“) zu drehen, sondern wie ein Quader („sed in virtutem constantia ad quadrati corporis modum firmari“)’ beständig in der Tugend festzustehen. Es gab dabei für den Chronisten bestimmte Regeln zu beachten: er meide die Lüge

3 A.-D. von den Brincken, Studien zur Lateinischen Weltchronistik bis in das Zeitalter Ottos von Freising, Düsseldorf 1957, S. 38f.

* H.-W. Goetz, Zeitbewusstsein und Zeitkonzeptionen in der hochmittelalterlichen Geschichts- schreibung, [in:] Zeitkonzeption - Zeiterfahrung - Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelal- ter bis zur Moderne, hrsg. v. T. Ehlert, Paderborn-München-Wien-Zürich 1997, S. 12.

° So war nach Beda Venerabilis und später Honorius Augustodunenis: „tempus von tempera- mentum“ (das rechte Maß) abgeleitet und konnte dementsprechend in große wie auch kleine Ein- heiten geteilt werden: „Tempora igitur a temperamento nomen accipiunt, sive quod unumquodque illorum spatium separatim temperatum sit, seu quod momentis, horis, diebus, mensibus, annis, sae- culisque et aetatibus, omnia mortalis vitae curricula temperentur“ (Beda, De temporum ratione, hrsg. v. Ch. W. Jones, Turnhout 1977, S. 274).

°H. von S. Viktor, Didascalicon 6, 3, ed. Ch. H. Buttimer, Washington 1939, S. 113f.

7]. von Sevilla, Etymologiae V, 28, accurante ].-P. Migne (Patrologia Latina, vol. 82), Parisii 1830, col. 214.

® H.-W. Goetz, op.cit., S. 25.

° ©. von Freising, Chron. 1, Prologus, recognovit A. Hofmeister (Monumenta Germaniae Histo- rica, Scriptores rerum Germanicarum, vol. 45), Hannoverae et Lipsiae 1912, S. 6

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und wähle die Wahrheit („fugit enim mendacia, eligit veritatem“)'°, indem er be- stimmte Dinge weglasse und andere für den Aufbau seiner Darstellung nutze!'. Grundsätzlich solle der Chronist demnach Distanz zu seinem Darstellungsgegen- stand bewahren und in keinem Falle lügen.

Ottos von Freising Ansatz gleicht auf den ersten Blick dem Postulat eines der berühmtesten deutschen Historiker des 19. Jh.s, Leopold von Ranke, dass nämlich der Historiker absolut objektiv sein müsse, eben Geschichte erklären solle, „wie es eigentlich gewesen“'?. Spätestens seit Johann Gustav Droysen („Daß nämlich die Vergangenheit an sich nicht mehr zugänglich ist, sondern daß das Erste, was wir haben, immer schon Bilder von der Vergangenheit sind, in die zwar Überreste al- ler Art als Zeugnisse eingehen, die aber zugleich bestimmt sind von Fragen, Inter- essen, Voreingenommenheiten der jeweiligen Gegenwart“') weiß die modernere deutsche Geschichtsschreibung allerdings, dass diese Objektivität nicht erreicht werden kann. Indem der Historiker eine Auswahl an „Überresten“ trifft, wertet er. Der mittelalterliche Chronist konnte sich, geprägt durch die Summe seiner Erfahrungen, ebenso wenig aus seiner eigenen Gegenwart lösen. Er kompilierte aus anderen Werken oder auch mündlichen Zeugenaussagen - aber nach einem bestimmten Schema (wie wir bei Otto von Freising gesehen haben), mit Hilfe des- sen er seine „persönliche, subjektive“ Wahrheit verfolgte. Je näher der Gegenstand seiner Darstellung zeitlich (und vielleicht auch persönlich) an die Gegenwart her- anreichte, desto weniger kann Objektivität erwartet werden.

Mit diesen Beobachtungen wollen wir uns dem Werk Peters von Dusburg zu- wenden. Zunächst einige allgemeine Anmerkungen zum Autor und zu seinem Werk:

Der Autor: er nennt sich selbst in dem Widmungsbrief an den Hochmeister „frater Petrus de Dusburgk eiusdem sacre professionis sacerdos“. Er kam sehr wahrscheinlich aus Doesburg/]jssel in den heutigen Niederlanden (östlich von Arnheim)". Der Deutsche Orden hatte dort 1286/1287 Besitz erworben, der all- mählich zu einer Kommende ausgebaut wurde. Leider lassen sich keine Lebensda- ten für Peter von Dusburg ermitteln. Die einzige Konstante bildet das Jahr 1326, in welchem er die Chronik verfasste'°. Es ist letztlich kein abschließendes Urteil zu

"0 Ibid., S. 5.

" Ibid.: „Geometer quoque partem falsigraphi ad inpossibile ducens fugiendam suamque dem- onstrationem necessariis probans rationibus eligendam ostendit. Sic et cronographorum facultas ha- bet, quae purgando fugiat, quae instruendo eligat [...]”.

? L. von Ranke, Sämtliche Werke , Bd. 33/34, Leipzig 1885, S. 7.

B].G. Droysen, Historik: historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1, hrsg. v. P. Leyh, Stuttgart 1977, S. 7£.

" Die ältere Forschungsmeinung, die Duisburg/Rhein angeführt hat, ist eher unwahrscheinlich, da der Orden dort keine Niederlassungen besaß. Vgl. K. Scholz, D. Wojtecki, Einleitung, [in:] Petri de Dusburg, Chronica terre Prussie, S. 7; auch J. Wenta, Wstep, [in:] Piotr z Dusburga, Kronika ziemi pruskiej, S. XVI-XVI.

'5 Zwar macht J. Wenta (idem, Wstep, [in:] Piotr z Dusburga, Kronika ziemi pruskiej, S. XVII- -XVII), einen Offizial Petrus (1318), der später als Dekan (1331), noch später als Kustos (1334) und

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fällen, wo genau der Autor später in Preußen gelebt hat. Ob er als samländischer Domherr in Königsberg ansässig war, wie die neuere Forschung vermutet'‘, ist aus dem Text selbst nicht ohne weiteres zu ersehen. Allerdings ist es sehr wahrschein- lich, dass er zumindest lange Zeit in Königsberg verbracht hat (vgl. auch weiter unten) - die Schilderung des dortigen Konvents und auch der prußischen adligen Familie Candein sticht in ihrer Ausführlichkeit in der Chronik stark heraus. Es gibt allerdings eine Einschränkung: ein Konflikt des samländischen Bischofs mit dem Orden um die Güter des Bistums und Kapitels’’, der bis 1321 anhielt, wurde bislang von der Forschung nicht beachtet. Es ist nämlich andererseits festzuhalten, dass der Chronist das Vertrauen des Hochmeisters genoss und Zugang zu dem Or- densarchiv auf der Marienburg gehabt hat'*. Hätte er das auch als ein in den Kon- flikt verwickelter Domherr des Kapitels vom Samland? Wie diese beiden Faktoren zusammenhängen, kann hier allerdings nicht weiter erörtert werden.

Zu der Person Peters von Dusburg mag noch hinzugefügt werden, dass er ein durchaus gelehrter Ordensgeistlicher war!” und nicht, wie die ältere Forschung aufgrund seines Schreibstils gemutmaßt hat, nur rudimentäre Bildung genossen hatte.

Der Text: es handelt sich bei der Chronik um einen ca. 250 Seiten starken Text, der in vier Bücher unterteilt ist. Das erste Buch berichtet über die Anfänge des Ordens im Heiligen Land, das zweite Buch über die Ankunft in Preußen, das dritte Buch über die Kämpfe mit Prußen, Pommerellern und Litauern bis in die Zeit des Autors. Das vierte, schmale Buch de incidentibus sollte bewusst einen Ausgleich zu den - im Hinblick auf die Darstellung - auf das Heilige Land und Preußen verengten ersten Büchern schaffen. Dieses vierte Buch ähnelt hierin fast einem chronologischen Überblick, wie er oft bei modernen, populären Geschichtswer- ken zu der behandelten Epoche hinzugefügt wird. Dusburg schöpfte hier stark aus den berühmten Werken von Tolomeo von Lucca und Martin von Troppau?” und

schließlich wieder als Offizial in den Urkunden auftaucht, wahrscheinlich - dieser hätte dann 38 Jah- re (ab 1356 ist er nicht mehr anzutreffen) in dem samländischen Kapitel verbracht -, ob dieser aller- dings wirklich immer der gleiche war, sei dahingestellt. Die Gleichsetzung des Autoren der Chronik mit dem Autoren der Epitome (ibid.) scheint wesentlich besser beweisbar zu sein.

16 J, Wenta, Studien über die Ordensgeschichtsschreibung am Beispiel Preußen, Torun 2000, S. 210. Es handelt sich um eine Namensübereinstimmung mit einem Kanoniker, der in dieser Eigenschaft erstmals 1313 feststellbar ist.

"Vgl. R. Biskup, Das Domkapitel von Samland (1285-1525), Torun 2007, S. 197f.

!8 So hateer den Text des Kruschwitzer Vertrags (1230) direkt zitiert (Dusburg, Chron. I], 5); vgl. auch M. Pollaköwna, Kronika Piotra z Dusburga, Wroclaw [u.a.] 1968, S. 203-207.

» S. Kwiatkowski, Scotistische Einflüsse in der Chronik von Peter Dusburg, [in:] Die Geschichts- schreibung in Mitteleuropa, hrsg. v. J. Wenta, Torun 1999, S. 135-147, hier: S. 136; J. Wenta: Peter von Dusburg, [in:] Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 11, Berlin-New York 2004, Sp. 1188.

®K. Scholz, D. Wojtecki, Einleitung, [in:] Petri de Dusburg, Chronica terre Prussie, S. 16. J. Wen- ta, Wstep, [in:] Piotr z Dusburga, Kronika ziemi pruskiej, S. XXIV-XXV, auch: idem, Kronika Piotra z Dusburga. Szkic Zrödloznawczy, Torun 2003, S. 44-49, sieht das anders. Zwar sieht auch er keinen

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tat selbst einzig die Hochmeisteramtszeiten hinzu. Das dritte Buch jedoch, über die Eroberung Preußens, ist der sowohl umfassendste als auch bedeutendste Teil des Gesamtwerks. Der Autor konnte hier aus eigener Erfahrung und auch von Zeugenaussagen berichten, wie er selbst zu Beginn schildert”. Generell steht das Preußen des 13. Jh.s (also die Eroberung des Preußenlandes durch den Deutschen Orden) im Mittelpunkt.

Die Adressaten: die Herausgeber des ins Deutsche übersetzten Chronik Peters von Dusburg, Klaus Scholz und Dieter Wojtecki, vermuten sowohl die Ordensbrü- der als auch den Papst bzw. die Kurie als Adressaten. Der Konflikt mit dem pol- nischen König Wladislaw Lokietek (1306-1333) und die angekündigte Taufe des litauischen Großfürsten Gedimin (1316-1341) waren zu außenpolitisch bedroh- lichen Faktoren für den Deutschen Orden geworden. Das Reich spielte in diesem Konflikt keine Rolle”, der Orden suchte besonders Rückhalt bei der Kurie?”.

Insgesamt sind nur sechs Textzeugen überliefert und diese stammen allesamt erst aus dem 16./17. Jh.** Leider ist kein Urtext erhalten. Auch aufgrund der Über- lieferungsgeschichte ist es also problematisch, die Adressatenfrage zu beantworten. Die Chronik hatte zumindest im Rückschluss verhältnismäßig wenig Verbreitung erfahren. Es bleibt allerdings anzumerken, dass schon bald eine Übersetzung ins Deutsche erfolgte - nämlich in der gereimten Form von Nikolaus von Jeroschin Kronike von Pruzinland”, die unter den nachfolgenden Hochmeistern Luther von Braunschweig (1331-1335) und Dietrich von Altenburg (1335-1341) angefertigt

chronologischen Zusammenhang zwischen den Inzidenzien, jedoch einen thematischen. Er hält die editorische Gliederung, die Toeppen vorgekommen hat und der die späteren Editionen folgten, für problematisch, wenn nicht falsch. Das vierte Buch sei inhaltlich-thematisch synchron mit dem drit- ten Buch und die jeweiligen Einträge bereiteten auf die preußischen Exempla, die eben gerade für die Predigt gedacht seien, vor. Somit stellt er die Inzidenzien in seiner Edition wieder an die Seite des dritten Buches. Da wir jedoch nicht über einen Archetypen der Chronik verfügen, kann die ursprüngliche Anordnung von Peter von Dusburg sicherlich nicht rekonstruiert werden. Jedenfalls sind sich alle Autoren einig, dass die zeitliche Gliederung der Inzidenzien nichts mit der nur sehr rudimentär vorhandenen Chronologie des dritten Buches zu tun hat. Es ist also kein zeitliches Ord- nungsgerüst darin zu sehen, was für unsere Belange hier entscheidend ist.

2! Dusburg, Chron., Prologus, S. 34: „pauca, que vidi [Selbsterlebtes - G. V.], alia, que audivi ab his, qui viderunt et interfuerunt [Berichte von Augenzeugen - G. V.], cetera, que relacione veridica intellexi [andere glaubwürdige Berichte - G. V.]“.

2 Vgl. K. Conrad, Werner von Orseln, [in:] Die Hochmeister des Deutschen Ordens 1190-1994, hrsg. v. U. Arnold, Marburg 1998, S. 60-65; K. Militzer, Die Geschichte des Deutschen Ordens, Stutt- gart 2005, S. 112f.

® Dafür spricht auch, dass Peter die Schilderung der Unterstützung durch Kaiser Friedrich II. unter dem Hochmeister Hermann von Salza völlig weggelassen hat. Die berühmte Goldene Bulle (1326/1335) findet keinen Niederschlag in der Chronik, während die päpstliche Anerkennung stark herausgestellt wird (Dusburg, Chron. II, 6).

2]. Wenta, Studien, S. 206; K. Scholz, D. Wojtecki, Einleitung, [in:] Petri de Dusburg Chronica Terre Prussie, S. 18f.

> Ediert von M. Toeppen, in: Scriptores rerum Prussicarum, Bd. 1, Leipzig 1861, S. 292-624.

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wurde”. Diese fand, den ca. 20 bekannten Handschriften zufolge, größere Verbrei- tung als Dusburgs Werk. Es sei darauf hingewiesen, dass wir uns in dieser Zeit in Preußen in einem Verdeutschungsprozess befanden, der auch die Kanzlei betraf, welche interne Urkunden seit Mitte des 14. Jh.s meist in Deutsch abfasste?”’. Wenn Peter als gelehrter Geistlicher das erhabenere Lateinische vor der Vulgärsprache bevorzugte, muss das meines Erachtens nicht unbedingt bedeuten, dass die Chro- nik nicht für Tischlesungen bzw. -rezitation angedacht war; die Übersetzung er- folgte schließlich kurze Zeit später und es spricht nichts dagegen, dass eine solche schon mit Peter von Dusburg selbst verabredet war. Zu Bedenken wäre weiterhin, dass Peter von Dusburg aufgrund seiner Herkunft kein mittelhochdeutsch, son- dern eher ein niederländisches Niederdeutsch geschrieben hätte, was den meisten Rittern (die im 14. Jh. eher aus dem ost- und süddeutschen Raum stammten) fast ebenso fremd wie das Latein erschienen wäre. Außerdem wollte er vielleicht sogar weltliche Ritter, also potenzielle Ordensritter, anderer Länder erreichen, die nicht des Deutschen mächtig waren”. Das Werk war stark anekdotenhaft aufgebaut und so konnten Geistliche diese Anekdoten ebenso als Exempla memorieren und bei entsprechenden Anlässen wiedergeben”.

Verortung des Types der Chronik: Bei der Chronik handelt es sich um Or- densgeschichtsschreibung und nicht um Landesgeschichtsschreibung, wie die Forschung einhellig festgestellt hat”. Dennoch lassen sich innerhalb der Chronik

2° Besonders der feinsinnige Luther von Braunschweig, der selbst in Deutsch dichtete, förderte die deutsche Dichtung in Preußen: zu nennen wären neben Nikolaus Jeroschin auch Heinrich Hesler und Thilo von Kulm. Siehe hierfür auch einführend: U. Arnold, Luther von Braunschweig, [in:] Die Hochmeister des Deutschen Ordens 1190-1994, S. 65-70 sowie generell auch S. Helms, Luther von Braunschweig: der Deutsche Orden in Preußen zwischen Krise und Stabilisierung und das Wirken eines Fürsten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, Marburg 2009.

?”R. Grieser, Das älteste Register der Hochmeisterkanzlei des Deutschen Ordens, MIÖG, Bd. 44: 1930, S. 436f.

?® Der Deutsche Orden lud alljährlich im gesamten 14. Jh. weltliche Ritter nach Preußen ein, die sogenannten Preußenreisenden, die auch aus Frankreich, England, Italien und Polen kamen, um gegen die heidnischen Litauer zu kämpfen. Vgl. W. Paravicini, Die Preußenreisen des europäischen Adels, Bd. 1, Sigmaringen 1989, S. 45ff.

® Wie es für die mittelhochdeutsche Epik angenommen wird. Vgl. M. Curschmann, Nibelun- genlied und Nibelungenklage. Über Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Prozeß der Episierung, [in:] Deutsche Literatur im Mittelalter. Kontakte und Perspektiven. Hugo Kuhn zum Gedenken, hrsg. v. Ch. Cormeau, Stuttgart 1979, S. 85-119. Hier wird besonders die Formelhaftigkeit der mittelhochdeut- schen Epik betont; diese ist in den Anekdoten der Chronik Peters von Dusburg auch häufig gegeben; J. Wenta, Wstep, [in:] Piotr z Dusburga, Kronika ziemi pruskiej, S. XXV. Vertiefend vom gleichen Autoren: J. Wenta, W stuzbie rady miasta. Historiograficzne kompendia kaznodziejskie, [in:] Klasztor w miescie $redniowiecznym i nowozytnym, hrsg. v. M. Derwich, A. Pobög-Lenartowicz, Wroctaw- -Opole 2000, S. 315-321; idem, Der Deutschordenspriester Peter von Dusburg und sein Bemühen um die geistige Bildung der Laienbrüder, [in:] Selbstbild und Selbstverständnis der geistlichen Ritterorden, hrsg. v. R. Czaja, J. Sarnowsky (Ordines militares, 13), Torun 2005, S. 115-127.

®° E. Opgenoorth, Stationen der Geschichtsschreibung des Preußenlandes von Peter von Dusburg bis zu Hartmut Boockmann, [in:] 75 Jahre Historische Kommission für Ost- und Westpreußische Lan-

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Elemente festmachen, die zumindest die Charakterzüge einer Landeschronik tra- gen: die Beschreibung der Regionen, Religionen, Riten und Kultur der Stämme in Preußen (es soll weiter unten darauf eingegangen werden) ist typisch für Landes- geschichtsschreibung.

Der Auftraggeber des Werks war Hochmeister Werner von Orseln (1324- -1330). Wie kam es zu diesem Auftrag für die älteste bekannte preußische Chro- nik? Sowohl der Fall von Akkon (1291) als auch die nachfolgende Zeit in Venedig (1291-1309) sowie die Machtkämpfe innerhalb der Führungsschicht in Preußen (1311-1320)”' müssen die zeitgenössischen Ritterbrüder stark verunsichert haben. Bis zur Zeit Werners von Orseln (1324-1330) können allerdings kaum interne Be- strebungen des Ordens zur Vertiefung des Glaubens der Brüder festgestellt werden, um dieser Verunsicherung entgegenzutreten. Erst durch die Gesetze eben dieses Hochmeisters wurde die Liturgie innerhalb des Ordens und die Disziplin der Lai- enbrüder intensiv gefördert bzw. eingefordert””. Die Chronik von Dusburg ist also als Teil dieses Reformprogramms zu verstehen. Helmut Bauer hatte in seiner Un- tersuchung über die Ordensgeschichtsschreibung des 14. Jh.s feststellt, dass Peter von Dusburg gegenüber den anderen, späteren Chronisten „rückwärts gerichtet ist nach Sprache und Form seines Denkens. [...] Die Welt der Kreuzzüge war im allgemeinen Bewußtsein der Zeit bereits versunken; der Kampf für den Glauben, Entsagung in der Nachfolge Christi und die glühende Hoffnung auf ewigen Lohn im Jenseits bewegten längst nicht mehr das allgemeine Weltgeschehen“. Dem diametral entgegen stehen aber die „Preußenreisen“ des europäischen Adels im gesamten 14. Jh.” Das Heilige Land stand tatsächlich nicht mehr im Mittelpunkt der Kreuzzugsstrategie. Da die Osmanen mächtiger wurden, kam die Verteidigung Europas mehr und mehr in den Fokus - für diese gab es aber nach wie vor päpst- liche Kreuzzugsprivilegien und -ablässe im 14. und 15. Jh.” Es scheint also kaum gerechtfertigt, von der Chronik als einem anachronistischen Werk zu sprechen. Außerdem gilt es anzuführen, dass spätere Chronisten, wie Wigand von Marburg,

desforschung, hrsg. v. B. Jähnig, Lüneburg 1999, S. 120. Krzysztof Kwiatkowski (Die „Eroberung Preu- Sens” durch den Deutschen Orden - ihr Bild und ihre Wahrnehmung in der Literatur des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert, [in:] KryZiaus kary epocha Baltijos regionu tauty istorineje sgmoneje. Moksliniy straipsniy rinkinys, sudare R. R. Trimoniene, R. Jurgaitis, Saules 2007, S. 131-168) sieht, ähnlich wie ich es bei der Zeit tue, den Raum bei Dusburg nicht so sehr als territoriale Bezugsgröße, sondern eher als poetisch, rethorische Kategorie der Darstellung.

31 G. Vercamer, Politische Machtstrukturen im Ordensstaat Preußen zu Anfang des 14. Jahrhun- derts am Beispiel des Obersten Marschalls Heinrich von Plotzke, Z£fO, Jg. 56: 2007, S. 91-104. Vgl. auch S. Jözwiak, Kryzys wladzy w zakonie krzyzackim a problem personalnej obsady komturstwa pokrzy- wienskiego w latach 1309-1320, Rocznik Grudziadzki, Bd. 13: 1998, S. 21-31; A. Reglinski, Zmiany wielkich dostojniköw krzyzackich w latach 1309-1315, [in:] Ludzie, wladza, posiadlosci, hrsg. v. J. Po- wierski, B. Sliwinski (Gdafskie Studia z Dziejöw Sredniowiecza, Nr 1), Gdansk 1994, $. 191-216.

#2 J, Wenta, Studien, S. 138.

> H. Bauer, Peter von Dusburg und die Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens im 14. Jahr- hundert in Preußen, Berlin 1935, S. 51.

3 Vgl. W. Paravicini, op.cit., S. 21f.

> Vgl. J. Riley-Smith, Kreuzzüge, [in:] TRE, Bd. 20, Berlin 1990, S. 1ff.

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die um 1400 schrieben, schon in eine - zumindest für den nordöstlichen europä- ischen Bereich - ganz andere Epoche gehörten: der Orden hatte sich einerseits in Preußen fest etabliert und die Litauer andererseits waren - zumindest theoretisch - mit ihrem Großfürsten JagieHo-Wladislaw 1386 zum Christentum übergetreten. Also können diese Chronisten schwerlich, wie es Bauer getan hat”, mit Peter von Dusburg verglichen werden. Bereits im Prolog wird die Intention von Peter sehr deutlich: er verurteilte die Ordensritter seiner Zeit (frühes 14. Jh.), die nur sich liebten („se ipsos amantes“) und nach dem strebten, „que sua sunt, non, que Iesu Cristi“ (Chron., Prologus). Im Gegensatz dazu sah er die Ordensritter des 13. Jh.s. Diese waren jederzeit bereit, „mortis supplicium pro defensione fidei sustinere“ (Chron., Prologus). Die beiden Mentalitäten werden von Peter direkt gegenüber gestellt. Die Ordensbrüder seiner Gegenwart werden dabei ermahnt: „Ad intel- ligendum, quoniam anima, i.e. vita fratrum, quondam inanis et esuriens, nunc sit bonis temporalibus saciata, necesse est ponere aliqua de defectu preterito et habundancia presenti, ut sic opposita iuxta se posita magis elucescant“ (Chron., Prologus). Peter machte sich große Sorge um seine Zeit („in novissimis diebus in- stabunt tempora periculosa‘; ibid.) und bat Jesus, dass er die Zeichen und Wunder des 13. Jh.s erneuern solle („innova signa et immuta mirabilia‘, ibid.).

Die Rahmenbedingungen wären hiermit umrissen und im Folgenden soll Pe- ters Geschichtsbild und Zeitkonzeption anhand von einigen konkreten Beispie- len der Chronik erläutert werden. Wir hatten bereits festgestellt, dass Peter sein Werk an die Gesetze des neuen Hochmeisters Werner von Orseln (1324-1330) anlehnte und somit auf die Erneuerung der Grundtugenden (Disziplin, Kampfes- geist usw.) der Ordensritter abzielte. Welchen 'Ihemenkreisen wendete sich Peter konkret zu, um dieses Ziel zu erreichen, und wie verhält es sich dabei mit seiner Auffassung von Zeit? Es soll die These verfolgt werden, dass Peter in seinen ersten beiden Büchern (und selbstverständlich in dem vierten Buch de incidentibus) eine unpersönliche, aber zeitlich deutlicher strukturierte Ordnung aufbaut, die er im dritten Buch verlässt. In diesem dritten Buch, das für Peter sicherlich das Herz seiner Chronik darstellte (es nimmt allein von der Menge ca. zwei Drittel ein) und bis in seine Gegenwart reicht, wird das bisherige Zeitkonzept zugunsten einer Schilderung von Einzelschicksalen durchbrochen. Zwei Gruppen, die für Peters Gegenwart von äußerster Wichtigkeit waren, werden hier durch Schilderung von Exempla besonders hervorgehoben: zuvorderst waren das die Ordensritter, aber dann auch die Prußen. Die Zeit verliert hierbei deutlich ihren Stellenwert. Die feste chronologische Abfolge der Bücher eins, zwei und vier wird hier durch eine sehr lockere Zeitauffassung ersetzt, die nur durch kurze Einstreuung der Amts- zeiten der preußischen Landmeister unterbrochen ist. Ansonsten ist die einzig wirklich lineare Zeitabgrenzung durch das Ende der Prußenkriege (1283) und das Hinwenden zu den Litauerzügen gegeben”. Für Peter war der konkrete Ver-

»° H. Bauer, op.cit., S. 31. 37” Dusburg, Chron. III, 221. Kapitelüberschrift: „Explicit bellum Prussie incipit bellum Letho- winorum‘“.

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lauf des Konfliktes zwischen Prußen und Deutschem Orden weniger wichtig als die Mentalität und Struktur dieser beiden Gruppen. Diese Denkweise Peters wird schon in seinem Widmungsbrief (epistula) an Hochmeister Werner von Orseln (1324-1330) sichtbar: er beschreibt die Kriege der Brüder und nimmt dabei seine Gegenwart nicht aus: „bella, que per nos et antecessores nostros ordinis nostri fratres victoriose gesta sunt, conscripsi“ (Chron., Epistula). Der Konflikt mit den Litauern ist zu Dusburgs Zeiten noch längst nicht beendet und somit handelt es sich um ein Kontinuum der Zeit. Peter befand sich mitten in dessen Ablauf. In den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Litauern wurden die Ordensritter zu einem großen Teil durch prußische Krieger (sogenannte Freie) unterstützt. Peter sah die Prußen seiner Zeit also nicht mehr als Feinde, sondern als Verbündete an, was in seiner Chronik deutlich herauskommt, wie wir sehen werden.

Wenden wir uns zunächst den Brüdern zu: die Gründung des Ordens (1190/1198) wird, wie oben bereits erwähnt, in dem 1. Buch der Chronik beschrie- ben. Die Beschreibung beschränkt sich auf den aus der Narratio de primordiis de ordinis Theutonici bekannten Bericht aus dem 13. Jh.” Der ganze Text ist mit altte- stamentarischen Parallelen versehen, wobei besonders den Makkabäern viel Platz eingeräumt wird. Die Ordensbrüder bleiben eine anonyme „Masse“ von Kämp- fern, wobei erst der vierte Hochmeister, Hermann von Salza (1210-1239), etwas deutlicher dargestellt wird, da dieser den Orden, dank der Hilfe von Papst und Kai- ser, durch Privilegien und Zulauf an Mitgliedern weit nach vorne gebracht hat”. Das 2. Buch ist - ähnlich dem 1. Buch - an eine Quelle, den sogenannten Bericht Hermanns von Salza’, angelehnt”. Auch hier kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Peter von Dusburg nur die notwendigsten Informationen gibt, um hinzuleiten zu dem 3. (Haupt-) Buch. Es fällt allerdings auf, wie Peter den Krieg gegen die prußischen Stämme begründet. Gegen diese waren nämlich schon „per Iulium Cesarem“ Krieg geführt worden. Dieser Rückgriff auf griechisch-römische Vorväter ist typisch für die Chronistik der nationes, in der beispielsweise ein Eneas auszog und der Urvater der Franken wurde". Für die Ordensgeschichtsschreibung ist ein solcher Rückgriff nicht gangbar, da die geistlichen Ritterorden nun einmal ihren Ursprung in der Kreuzzugsbewegung hatten. Indem Peter allerdings die Tra- dition des Krieges gegen die Prußen auf Julius Caesar zurückführt, gibt er dem Orden eine der nationes-Geschichtsschreibung vergleichbare Legitimation. Des Weiteren wird eine sehr ausgefeilte Waffenallegorese von ihm angeführt, ähnlich wie schon bei Bernhard von Clairvaux in seinem Lob des neuen Rittertums (De laude novae militiae) wobei jeder fleischlichen Waffe eine geistliche, bessere Waffe

»® Vgl. Petri de Dusburg, Chronica terre Prussie, S. 15.

3” Dusburg, Chron. I, 5. Allerdings wird eher der Fortschritt des Ordens als das individuelle Wirken Hermanns von Salza vorgestellt.

“ Vgl. Petri de Dusburg, Chronica terre Prussie, S. 15.

* Vgl. F. Graus, Troja und trojanische Herkunftssage im Mittelalter, [in:] Kontinuität und Trans- formation der Antike im Mittelalter. Veröffentlichung der Kongreßakten zum Freiburger Symposion des Mediävistenverbandes, hrsg. v. W. Erzgräber, Sigmaringen 1989, S. 25-43, hier $. 36.

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entgegengesetzt wird”. Diese hat vor allen Dingen den moralischen Zweck, die gegenwärtigen Brüder zum Gehorsam und zur Disziplin zurückzuführen. So sei nur der Bogen erwähnt: „Per arcum obediencia designatur, quia sicut incurvatur, flectitur et reflectitur sine fractura, ita religiosus inter prospera et adversa equo animo sine murmure debet incurvari per obedienciam et reflecti“ (Chron. II, 8).

Erst im 3. Buch werden die Brüder in ihrem Kampf gegen die Ungläubigen näher beschrieben. Die Gemeinschaft des Konvents wird dabei immer wieder be- tont. So beispielsweise für den Konvent Königsberg, in dem nur vorbildliche Or- densbrüder lebten. Deren Waffenfähigkeit wird zwar hervorgehoben, viel wichtiger noch für Peter waren aber Eigenschaften wie Enthaltsamkeit und Gebetsfreudig- keit („A tempore fundacionis sui in castro Kunigsbergk viri virtuosi fratres et in armis strenui milites habitabant. In virtute abstinencie, oracionum, vigiliarum et genuflexionum alios excedebant”, Chron. III, 229)*. Es werden in diesem Buch auch einzelne Personen von Peter hervorgehoben, wobei die anekdotenhaften Episoden oft etwas Wunderhaftes, Verklärtes an sich haben. Der spätere Komtur von Königs- berg, Bertold Brühaven (1289-1302), war beispielsweise derart vorbildlich in der Auffassung der Ordensgelübde, dass er, bevor er dem Orden beitrat, das (Bertolds Auffassung nach am schwersten zu haltende) Gelübde der Keuschheit über ein Jahr auf eine Belastungsprobe stellte: „Assumpsit enim virginem iuvenem, qui propter eminenciam pulchritudinis sue parem non habuit in vicinis, iacensque cum eo qua- si singulis noctibus in stratu suo nudus cum nuda per annum et amplius“ (Chron. III, 236). In dieser Hinsicht war er, wie Peter betont, stärker als Samson, heiliger als David, weiser als Salomon, da diese alle einer Frau erlegen sind (ibid.).

Das Motiv des Martyriums im Kampf, des Todes im Namen Gottes, findet starken Anklang bei Peter. Nach einem Kampf gegen die Natanger erlitt ein Or- densbruder sein Martyrium: „Prutheni ligaverunt eum vivum per manus ad ar- borem et excisum umbilicum ventris sui, cui adherebat viscus, affıxerunt arbori, quo facto plagis multis compulerunt eum, ut circumiret arborem, quousque omnia viscera ipsius arbori adheserunt, et sic in confessione vere fidei reddens Deo spi- ritum exspiravit“ (Chron. III, 66). Diese Szene ist ziemlich makaber; Peter suchte dabei bewusst die Heiligenmartyrien, die in den Martyrologien geschildert wer- den, zu übertrumpfen - „Volve et revolve omnia scripta martirologii, non occurret

“2 Dusburg, Chron. II, 8-9: Schild (scutum) - Glauben; Schwert (gladius) - gutes Werk (nach Jacobs Briefen); Speer (lancea) - rechter Vorsatz (weil er den Hauptleuten unter den Juden gebührte); Rundschild (clipeus) - Anhaltung zu guten Taten; Panzer (lorica) - Gerechtigkeit; Bogen und Köcher mit dem Pfeil (sagitta) - Gehorsam (Krümmung des Bogens ohne zu brechen), Keuschheit (ist der Pfeil, da sagio von Dusburg als „voraussehend, prophezeiend, scharfsinnig handelnd“ abgeleitet wird, obgleich es doch „etwas leicht spüren“ heißt - der Mensch muss also gegen das Böse stets scharf- sinnig handeln) und Armut (Köcher - trägt die Pfeile, wie gleichsam die Keuschheit in der Armut steckt); Schleuder (funda) - andächtige Betrachtung; Stab (baculum) - Buße; Helm (galea) - das Heil durch die göttlichen Waffen. Sämtliche Zitate entstammen dem Alten Testament (Makkabäer, David, Judith); sämtliche Waffen werden aufgrund einer Handlung (so David mit der Schleuder) hergeleitet. Vgl. auch H. Bauer, op.cit., S. 37f.

#3 Ähnlich auch über den Christburger Konvent (Dusburg, Chron. II], 64).

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tibi tale genus martirii“ (ibid.). Die Taufe im Blut war nach Thomas von Aquin die beste Taufe, da die Leiden Christi nicht nur durch eine symbolische Haltung, sondern „per imitationem operis“* nachempfunden werden. Die Ordensbrüder selbst standen den Ungläubigen allerdings oftmals nicht an Gewaltanwendung nach. Über eine Schlacht gegen 5000 Pomesanier und ihre Verbündete (ca. 1233) berichtet Peter: „gladius milicie Cristiane vibratus carnes infidelium devoravit“ (Chron. III 11)*. Das Schwert „frisst“ das Fleisch der Ungläubigen. Das Konzept des bellum iustum, wie es bei Augustin erstmals erörtert und besonders von Bern- hard von Clairvaux ausgefeilt wurde“, spielt dabei eine große Rolle.

Aber auch tatsächliche Wunder werden von Peter berichtet: so beispielsweise die schwere Erstürmung der Burg Sartowitz (1242), die Swantopolk, dem pomme- rellischen Herzog, gehörte und in der das Haupt der Heiligen Barbara als Reliquie aufbewahrt wurde (Chron. III, 36). Als die Brüder die Burg eingenommen hatten und unvermutet die Reliquie entdeckten, sagte eine Gefangene, dass ihr die Heilige Barbara in der Nacht erschienen sei und ihr verkündet habe, dass sie nach Kulm reisen wolle, um dort die Messe zu hören. Eben dorthin wurde die Reliquie dann von den Brüdern transloziert. Der Sieg wurde also aufgrund des Beistandes der Heiligen Barbara errungen”.

Bei diesen wunderhaften Anekdoten haben moralische Anspielungen und Er- mahnungen einen hohen Stellenwert für Peter: ein vorbildlich lebender Ordens- ritter namens Heinrich trat des Öfteren mit der heiligen Jungfrau Maria, der wich- tigsten Heiligen für den Deutschen Orden, in ein Zwiegespräch. Einmal erschien ihm Maria turbato vultu und erklärte ihm: „Hoc movet me ad turbacionem, quod dilecti filii mei fratres tui de domo Theutonica non referebant quondam in colla- cionibus suis nisi de filio meo et me et de gestis sanctorum; modo non referunt nisi de factis regum et principum et seculi vanitate, ira quod filius meus et ego et sanctorum vita raro vel nunquam recitatur“ (Chron. III, 81).

Insgesamt gesehen kann man sagen, dass das sittsame und tugendhafte Leben der Ordensritter für Peter enorm wichtig war. Dafür nutzt er oft das Mittel des Kontrasts, indem er die Konversion zum Ordensritter in den Mittelpunkt stellt und dementsprechend ein „Vorher-und-Nachher‘, ein sündhaftes gegenüber ei- nem tugendhaften Leben präsentieren kann“.

Wie ist nun Peters Standpunkt zu der zweiten großen Gruppe innerhalb sei- ner Chronik: den Prußen als ehemalige Feinde und gegenwärtige Untergebene des Ordens? Zunächst muss festgehalten werden, dass die Prußen und Litauer,

“Thomas von Aquin, Summa Theologiae III, 66, 12.

® Vgl. dazu allerdings auch Dt 32, 42.

1 J. Cavanna, bellum iustum, [in:] LexMA, Bd. 1, München 1977, Sp. 1849-1851.

” Ähnlich auch Dusburg, Chron. III, 141, als sich die Prußen in Überzahl auf ca. 100 Ordens- brüder und Pilger warfen und dennoch von diesen getötet wurden. Die wenigen Gefangenen berich- teten, dass sie eine „pulcherrimam virginem vexillum fratrum in aere ducentem“ gesehen hätten, die ihnen den Kampfesmut genommen habe.

“8 So z.B. Dusburg, Chron. III, 245 oder 284.

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obgleich diese Völker sich im 13./14. Jh. sehr ähnlich gewesen sein müssen, sehr unterschiedlich beschrieben werden, da sie in der Gegenwart Peters eben unter- schiedliche Rollen einnahmen: die einen waren Verbündete resp. Untergebene und die anderen waren Feinde des Ordens. Wir wollen diesen Punkt später noch- mals aufgreifen und nun erstmal zu den Prußen kommen: Peter eröffnet das dritte Buch mit einer kurze Landesbeschreibung von Preußen (Chron. III, 2), kommt dann zu den genauen Herkunftsorten der elf Stämme Preußens (Chron. III, 3) und behandelt die Riten und Kultur der Prußen (Chron. III, 5). Wenn Vera Matuzova schreibt, dass Peter die Prußen in den Kämpfen mit dem Orden immer nur als „Prußen“ beschreibt und sie nicht bei den einzelnen Namen der Stämme nennt (die er ja kennt), so dass er damit bewusst ein group-image der Prußen schaffe, welches er dann dem Orden gegenüberstellen (black-and-white-concept)* konnte, so ist das sicherlich nicht ganz richtig. Erstens werden die einzelnen Stämme der Prußen durchaus von Peter in ihren separaten Kämpfen gegen den Orden unter- schieden” und zweitens kämpften die Stämme in der Aufstands- und Eroberungs- zeit (1233-1283) oftmals gemeinsam gegen den Orden und die Stammesunter- schiede waren für einen Außenstehenden, zumal wenn er ca. 50 Jahre später lebte, sicherlich nicht einfach wahrzunehmen.

Die Untersuchung Matuzovas geht aber in ihrer Schlussfolgerung noch weiter: sie stellte fest, dass Peter von Dusburg bewusst ein Bild von den Prußen entworfen habe, das auf ethnischen, negativen Stereotypen aufbaut. Damit habe er das Ne- gativimage der Prußen im 14. Jh. wesentlich mitgeprägt. Dieses habe er vor allem deswegen getan, weil das negative Bild als Gegenstück zu den tugendhaften Brü- dern dienen sollte und so den Krieg und die Eroberung des Preußenlandes durch den Deutschen Ordens legitimiert habe°!. Es muss in der Tat festgestellt werden, dass der große und einzige umfassende Frieden zwischen dem Orden und den westlichen prußischen Stämmen (der Christburger Frieden von 1249) von Peter gar nicht erwähnt wird. In diesem von einem päpstlichen Legaten ausgehandel- ten Vertrag wurden die Prußen, die sich taufen ließen, grundsätzlich als freie und gleichberechtigte Vertragspartner behandelt”. Sollten sie allerdings vom Glauben abfallen (Apostasie), so würden sie vom Orden als Unfreie, Rechtlose eingestuft werden. Genau das ist im zweiten prußischen Aufstand (1260-1273) geschehen. Somit hätte Peter diesen Vertrag sogar als Beispiel für die Unzuverlässigkeit und Vertragsbrüchigkeit der Prußen anführen können.

Betrachtet man seine Beschreibung der prußischen Riten und der prußischen Kultur näher, so kommt man zu einem zumindest neutralen Bild des Chronisten von den Prußen. Das Kapitel wird von Peter eingeleitet, indem er die Prußen als

# V. Matuzova, Mental Frontiers: Prussians as Seen by Peter von Dusburg, [in:] Crusade and Con- version on the Baltic Frontier 1150-1500, ed. A. V. Murray, Aldershot 2001, S. 253-260, hier S. 253f.

5° So z.B. Dusburg, Chron. III, 16 (Pogesanier); Chron. III, 68 (Samländer).

>! V. Matuzova, op.cit., S. 258-259.

” PUB, Bd. 1, 1. Hälfte, hrsg. v. [R.] Philippi, Königsberg i. Pr. 1882, Nr. 218.

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simplices vorstellt (Chron. III, 5; auch im Folgenden dieses Kapitel), die den christ- lichen Gott „cum ratione comprehendere non potuerunt, et quia literas non ha- buerunt, ymmo in scripturis ipsum [Gott - G. V.] speculari non poterant“. Sie konnten also den christlichen Gott gar nicht verstehen. Weil das so sei, verehrten sie jegliche natürliche Erscheinungen und Kreaturen ihrer Umgebung („solem, lunam et stellas, tonitrua, volatilia, quadrupedia eciam usque ad bufonem“). An- schließend wird dieser Irrglauben sehr objektiv beschrieben, ohne dass Peter die Chance nutzen und in jedem zweiten Satz das teuflische Heidentum anprangern würde. Er stellt auch Bezüge zu seiner eigenen Gegenwart her: die Prußen kaufen bis heute (adhuc) ihre Frauen für eine Summe Geldes. Auch durchaus Positives wird von Peter nicht ausgelassen: Bettler gibt es (er schreibt hier im Präsens) bei den Prußen nicht; ein Armer geht „de domo ad domum“ und darf dort frei essen und trinken. Ihren Gästen gegenüber zeigen die Prußen „omnem humanitatem, quam possunt (nec sunt in domo sua esculenta vel potulenta, que non commu- nicent eis illa vice)“.

Es steht außer Frage, dass Peter das große Ziel des Ordens, die Christianisie- rung der Prußen und Litauer, nicht aus den Augen verlor. Die Konversion von ein- zelnen Prußen wurde allerdings von Peter mit derselben wunderhaften Eindring- lichkeit beschrieben, wie (vgl. weiter oben) die des sündhaften, weltlichen Ritters, der in den Orden eintrat: der Vogt des Samlandes überzeugte beispielsweise den Prußen Dorge nicht durch Waffengewalt, sondern durch die Demonstration der beharrlichen und wundersamen Kraft des christlichen Gottes, indem er ihm im- mer von neuem ein weißes Pferd kaufte, das durch den Teufel in der anschließen- den Nacht umgebracht wurde. Erst das vierte weiße Pferd wurde nicht vom Teufel umgebracht und Dorge „errorem suum humiliter est confessus factusque est ma- gnus fidei zelator et fidelium“ (Chron. III, 6). Ähnlich wie bei den Ordensrittern, verstand es Peter durchaus, einzelne Prußen für ihre Taten aus der grauen Masse herauszuheben. Bei der Schlacht an der Durbe (1260) in Livland geriet die Ordens- macht derart in Bedrängnis, dass ein baldiges Ende vorauszusehen war und viele Anhänger aus dem Heer der Brüder flohen. Peter erwähnt aber, dass einige Adlige aus Preußen treu bei den Brüdern verblieben. Es ist nun nicht etwa der Anfüh- rer der Ordenstruppen (der Marschall von Preußen), sondern ein samländischer Adlige, der mit seiner mutigen Ansprache dazu beiträgt, dass das Heer bis zum letzten Mann kämpft. Dieser Samländer, Sclodo aus Quedenau, appelliert an sei- ne Verwandten und Freunde: „Hodie reducite ad memoriam venustatem vestium, qui vobis per fratres sepius sunt oblate, et pro ameno ipsarum colore permittatis hodie vestem corporis vestri sanguine vulnerum rubricari et pro dulcedine medo- nis seu mellicratis, quem de manu ipsorum sepius sumpsistis, bibite hodie ama- ritudinem dire mortis in confessione vere fidei eterne trinitatis“ (Chron. III, 84). An einer anderen Stelle kooperierte ein alter prußischer Adliger (Gedune aus dem Geschlecht der Candein) mit dem König von Böhmen, Ottokar II. (1253-1278), so dass dieser eine bessere Einschätzung der samländischen Heeresmacht gewin-

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nen konnte. Dieses geschah „ex ordinatione fratrum“ (Chron. III, 71) - also auf Vermittlung der Ordensbrüder. Ein einmaliges Beispiel wird durch den Sohn des oben erwähnten Sclodos, Nalube, gegeben. Er hielt es laut Peter für eine Schande der Samländer, sich „tam cito“ den Brüdern unterworfen zu haben. Die Brüder schickten sogleich ein Heer, da er sich gegen die Ordensherrschaft auflehnte. Seine Verwandten warnten ihn mit Erlaubnis der Brüder („de fratrum licencia“) und er floh in das benachbarte Gebiet. Als sein jugendlicher Zorn vorüber war, unterwarf er sich wieder den Brüdern und wurde ein „vir fide et conversacione laudabilis“ (Chron. III, 101).

Das andere Bild von den Prußen, es lässt sich mit den Worten Verschlagenheit, Boshaftigkeit, oder Grausamkeit beschreiben, wird selbstverständlich auch von Peter bedient, denn es handelte sich nun einmal um Feinde des Ordens und der gesamten Christenheit°. Die Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit der kriegfüh- renden Parteien macht allerdings auch vor dem Orden nicht Halt und man könnte es durchaus als versteckte Kritik Peters am Orden ansehen, wenn er schreibt, dass die Ordensritter die gesamte Landschaft Natangen durch Brand und Raub völlig verwüsteten - „armata manu intrantes terram Natangie per incendium et rapinam vastaverunt, factaque magna strage“ (Chron. III, 66).

Ganz am Ende berichtet Peter, wie der Orden mit den Heiden, die sich taufen ließen, verfährt (Chron. III, 220 - es steht alles im Präsens!). War jemand „de nobili sanguine ortus‘, so wurde ihm sein adliger Status auch unter dem Orden erhalten. War jemand ignobilis, so musste er „secundum terre Prussie consuetudinem“ den Ordensbrüdern dienen. Allerdings konnte sich ein Pruße von nichtadligem Stand derart verdient um den Orden machen („propter fidelia servicia fidei“), dass ihm die Freiheit geschenkt wurde, während ein adliger Pruße durch seine Boshaftigheit („propter suam maliciam“) durchaus unfrei werden konnte.

Wir kommen also zu einem im Einzelnen durchaus positiven Bild, das Peter von den Prußen entwirft. Erstaunlich ist dabei die Erkenntnis, dass die oben ge- nannten prußischen Personen (Gedune, Sclodo, Nalube) alle einer Familie (den Candein) aus dem Samland aus der Gegend von Quedenau entstammen’. Das Domkapitel von Samland hatte exakt in dieser Gegend seinen Anteil am Hochstift verliehen bekommen”. Sollte Peter also tatsächlich ein Angehöriger des Kapitels gewesen sein, wofür ziemlich viel spricht, so kann man mit einiger Sicherheit sa-

> So nutzte z. B. Heinrich Monte, der Anführer der Natanger seine von den Brüdern in seiner Jugend erlernten Deutschkenntnisse, um den Gegner in Sicherheit zu wiegen und ihn dann zu er- schlagen (Dusburg, Chron IIL, 167); auch verlangten die Natanger, die in militärischer Überzahl ein Ordensheer bedrohten, dass die Anführer des Ordensheeres als Geiseln gestellt werden sollen. Als die Ordensritter dem nachkamen und vier Brüder stellten, wurde das Ordensheer trotzdem nieder- gemacht (Dusburg, Chron. III, 66); der Verrat eines Schalauers an den Brüdern (Dusburg, Chron. II, 186).

5:R. Wenskus, Die gens Candein, [in:] Ausgewählte Aufsätze zum frühen und preußischen Mittel- alter. Festgabe zu seinem 70. Geburtstag, hrsg. v. H. Patze, Sigmaringen 1986, S. 435-454.

>> UBS, Nr. 164. Stiftungsurkunde des samländischen Domkapitels vom 7. April 1294. Vertie- fend dazu R. Biskup, op.cit., S. 199-206.

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gen, dass er im alltäglichen Verwaltungsablauf durchaus Kontakte mit dieser Fa- milie hatte. Die konkreten Beispiele könnten ihm also von Angehörigen der sam- ländischen Familie Candein mündlich mitgeteilt worden sein.

Wenden wir uns zum Ende noch kurz den Litauern zu: diese werden von Pe- ter wesentlich uniformer als die Prußen beschrieben. Hier lässt sich das Schwarz- Weiß-Konzept Matuzovas tatsächlich wesentlich besser anwenden. Sie werden als Verräter” und als Sklavenhändler und auch Feinde Polens’ beschrieben. Die Darstellung der Kriegszüge von beiden Seiten ist stereotyp und ermüdend für den modernen Rezipienten. Auch hier spielen besonders die Königsberger Umgegend (Einfälle der Litauer ins Samland”®) sowie die Taten einzelner Ordensritter und Freibeuter aus den Konventen Königsberg, Balga, Brandenburg, Ragnit eine Rol- le”. Daher kann man davon ausgehen, dass Peter Augenzeugenberichte von betei- ligten Ordensrittern verarbeitet hat und diesen Kämpfern, indem er ihre Berichte wiedergab, Ehre und Respekt erwies.

Für den Umgang mit der Zeit und die Wirkung auf die Gegenwart scheint mir gerade dieser Unterschied zwischen den Litauern und Prußen ziemlich wichtig. Die Prußen waren zu Peters Zeiten befriedet und er hatte (siehe oben) für die ver- gangenen Kämpfe und Konflikte zwischen ihnen und dem Orden durchaus positi- ve Beispiele von Mut und Tugendhaftigkeit der zum Glauben übergetretenen Pru- ßen gefunden. Auch die traditionellen Riten dieses Volkes werden nicht durchweg schlecht dargestellt. Die Litauer, im Gegensatz dazu, erhalten ein kompromisslos einseitiges, negatives Bild. Sie waren auch zu der Zeit Peters von Dusburg noch sichtbar Feinde. Ihre Gleichartigkeit wird betont und es werden keine einzelnen Personen herausgestellt.

Wir kommen auf das eingangs erwähnte Geschichtsbild Hugos von St. Viktor zurück: wenn er vier Dinge für die Betrachtung von Geschichte nennt, die unab- lässig sind: Ort, Zeit, Personen, Handlung, so werden in der Chronica terre Prus- siae im dritten und hauptsächlichen Buch immerhin drei dieser Paradigma erfüllt: Ort, Personen, Handlung. Der Kampf für die Christenheit (Handlung), der von den Ordensrittern (Personen) in den prußischen und litauischen Gebieten (Ort) geführt wird, muss bedingungslos weiter geführt werden - nun auch mit der Hilfe der untergebenen prußischen Freien. Es entsteht dadurch bei Peter eine Matrix, die sich aus der Vergangenheit mühelos in seine Gegenwart übertragen lässt. Nach unseren Betrachtungen können wir also folgende Ergebnisse festhalten:

1. Peters Wahrnehmung von der Zeit ist als sich wiederholender Prozess an- gelegt. Besonders die Analogien zu den Kämpfern des Alten Testaments (Makka- bäer) belegen das gut. Denn es sind nicht die räumlichen und zeitlichen Umstän- de, die für Peters Geschichtsbild zählen, sondern die Intention der „Handelnden“

5° Dusburg, Chron. III, 290. 7 Ibid., 250. 58 Ibid., 206. ” Ibid., 332.

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(Glauben, Tugenden). Die Taten der gläubigen und treuen Ordensritter des 13. Jh.s dienen als Vorbild für die noch sündhaften und selbstherrlichen Ordensritter seiner Gegenwart. Indem er immer wieder in der Darstellung das sündhafte Leben von weltlichen Rittern schildert, die anschließend in den Orden eintreten und ein vorbildliches Leben führen, unterstreicht er diese Dialektik.

2. Die Bevölkerung Preußens (die Prußen) ist zur Zeit Peters befriedet und christianisiert. Die Kämpfe mit den Prußen im 13. Jh. werden zwar als sehr bru- tal beschrieben, aber beide Kriegsparteien nehmen sich wenig an Brutalität. Die Prußen per se werden nicht von Peter angegriffen. Ihre Riten und Kultur werden von ihm ohne große Kritik reflektiert. Der Unterschied zwischen den Ordensrit- tern und den Prußen besteht vorrangig in dem christlichen Glauben‘. Die Zeit spielt für die Darstellung der Prußen kaum eine Rolle - es war also für Peter völlig gleichgültig, ob die Kämpfe 100 Jahre oder erst 30 Jahre zurücklagen. Sobald die Prußen getauft waren, wurden sie meist positiv von Peter dargestellt. Entgegenge- setzt hierzu war der Blick auf die Litauer, die prinzipiell ähnliche Lebensgewohn- heiten gehabt haben müssen wie die prußischen Stämme. Diese wurden aber, da der Krieg gegen sie auch in der Gegenwart Peters fortgesetzt wurde, negativ kon- notiert. In dem Vergleich der drei tragenden Menschengruppen (Ordensritter, Preußen und Litauer) wird sehr deutlich, dass es Peter nach dem von Hugo von St. Viktor zugrunde gelegtem Prinzip wesentlich stärker um das „Wer“ und „Was“ (also um die Handelnden und ihre Taten) ging, als um das „Wann“ (konkrete zeit- liche Angaben)

3. Das Geschichtsbild Peters war, angesichts der gegenwärtigen Bedrohung durch Polen und Litauen und auch der inneren Zersplitterung durch die verschie- denen Oppositionsbewegungen im Orden, nicht rückwärtsgewandt, wie bei Bauer beschrieben, sondern durchaus den Umständen angepasst. Bedenkt man, dass die Konvente in Preußen zu den besten Zeiten im 14. Jh. ca. 500-600 Ordensritter fassten‘', war die innere Einheit des Ordens von enormer Bedeutung für das Fort- bestehen des Ordens in Preußen.

© Das lässt Peter auch einen Prußen selbst feststellen, der sich in die neugebaute Burg Balga begeben hat, um herauszubekommen, wie die Brüder lebten. Die Brüder nahmen ihn gerne auf und zeigten ihm alle Räume der Burg. Als er zu seinen Leuten ins Samland zurückgekehrt war, pro- phezeite er diesen die Niederlage gegen die Ordensbrüder: Sie seien zwar normale Menschen, mit weichen Leibern („homines sicut et nos; habent laxos et molles ventres“), aber mit dem Unterschied, dass sie nachts aufstehen und zu ihrem Gott beten, was die Samländer eben nicht täten: „Unde in bello nos sine hesitacione aliqua superabunt“ (Dusburg, Chron. III, 70).

eK. Militzer, Von Akkon zur Marienburg. Verfassung, Verwaltung und Sozialstruktur des Deut- schen Ordens 1190-1309, Marburg 1999, S. 391, setzte für die Mitte des 13. Jh.s ca. 400 Ordensritter an. Um 1326 werden es dann allerdings noch mehr gewesen sein.

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CZAS W CHRONICON TERRE PRUSSIE PIOTRA Z DUSBURGA. PORZADEK CHRONOLOGICZNY CZY SRODEK UMOZLIWIAJACY OSIAGNIECIE CELU?

Streszczenie

Stowa kluczowe: Piotr z Dusburga; kronikarstwo; Prusowie; zakon niemiecki; wyobrazenie czasu; koncepcja czasu; wyobrazenie porzgdku

W ramach artykulu podjeto pröbe zbadania zagadnienia pojmowania czasu przez Pio- tra z Dusburga w jego dziele Chronicon terre Prussie. Na wstepie ogölnie zauwazono, ze czas byl dla pöznoS$redniowiecznego cziowieka elementem porzadkujacym diuzsze okresy (epoki w dziejach $wiata itd.), natomiast w przypadku krötszych odcinköw nie odgrywal juz takiej roli. Majac to na uwadze, przeprowadzono analize koncepcji czasu, obecnej w kro- nice Piotra z Dusburga. Zaakcentowano przy tym, ze w dwöch pierwszych ksiegach oraz ostatniej (de incidentibus) uplyw czasu tworzy bezosobowy, lecz posiadajacy z perspektywy czasu wyrazng strukture porzadek. W najwazniejszej czesci kroniki, a wiec w trzeciej ksie- dze, ktöra obejmuje podböj Prus i konflikt z Litwa, zrezygnowano z tego bezosobowego dystansu, jak röwniez stracil na znaczeniu porzadek chronologiczny. Porzadek koncepcyj- ny zostat calkowicie zaklöcony na korzySc opisöow pojedynczych losöw. Jedyny centralny punkt czasowy tworzy rok 1283, wyznaczajacy koniec powstan Prusöw i poczatek opis6öw konfliktöw z Litwinami. Na pierwszy plan wyplywaja wöwczas wojny i konflikty rycerzy krzyzackich oraz stojacych pöZniej po ich stronie Prusöw (po 1283 r. okre$lanych mianem „sprzymierzencöw”). Morale braci zakonnych, skromne i prawe zycie ich oraz ich pruskich poddanych zajmuja w kronice istotna pozycje - nie miala ona za zadanie sformowania obrazu nieodwracalnie straconego czasu, lecz bracia zakonni mieli w przysziosci traktowac pojedyncze losy jako aktualne i godne na$ladowania. Konflikt jest czasowym kontinuum (czy tez „powtarzalnym procesem”), w ktörym Piotr z Dusburga i wspölczesni mu bra- cia zakonni, w okresie redagowania kroniki (1326), sami sie nadal osobiscie znajdowali. Obserwowanie Prusöw i Litwinöw z perspektywy poröwnawczej dodatkowo to podkresla. Obie baltyckie grupy etniczne mialy podobne obyczaje, ale w kronice Dusburga, Litwini byli znacznie silniej charakteryzowani z uzyciem czarno-bialych stereotypöw niz spacyfi- kowane i teraz „sprzymierzone” pruskie plemiona, ktöre czesciowo zostaja przedstawione bardzo pozytywnie. Wedlug stworzonego przez Hugona ze $w. Wiktora obrazu historii wieksze znaczenie mialo „kto co robi’, niz „kiedy to sie zdarzylo”: liczy sie pojedynczy los, ktöry bez trudnosci moze zostac odniesiony do wspölczesnosci.